Die aktuelle Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn zeigt deutlich, dass selbstständig erwerbstätige Frauen in der Familienphase weiterhin strukturell benachteiligt sind. In dem Chartbook „Selbstständige werden Mutter – Die Folgen für ihre Erwerbsarbeit“ dokumentiert das Institut unter anderem, dass viele selbstständige Frauen bis kurz vor der Geburt arbeiten und frühzeitig wieder in den Betrieb zurückkehren sowie deutliche Einschnitte bei Arbeitszeit und Einkommen hinnehmen müssen. Besonders Soloselbstständige sind von diesen Effekten überdurchschnittlich betroffen.
Aus Sicht des Europaverbandes der Selbständigen – Deutschland (ESD) e.V. zeigt dies, dass fehlender Mutterschutz, unzureichende Einkommensersatzleistungen und eine mangelnde soziale Absicherung selbstständige Mütter in erhebliche wirtschaftliche Risiken zwingen. Während abhängig Beschäftigte auf gesetzliche Schutzmechanismen zurückgreifen können, bleibt selbstständig erwerbstätigen Frauen häufig nur die eigene Absicherung durch Rücklagen oder der Ausgleich innerhalb des Haushalts. Die Fortführung des Geschäftsbetriebs gelingt vielfach nur durch den faktischen Verzicht auf Schutzregelungen.
Die Studie zeigt zugleich, dass nur rund zwei Drittel der Soloselbstständigen ihre Tätigkeit im Jahr nach der Geburt fortsetzen. Ein relevanter Teil unterbricht oder beendet die Selbstständigkeit ganz. Damit gehen unternehmerische Existenzen verloren, obwohl diese Frauen häufig über Jahre hinweg Betriebe aufgebaut und wirtschaftliche Verantwortung übernommen haben. Schwangerschaft und Mutterschaft wirken so faktisch als Hemmnis für selbstständige Erwerbsbiografien.
ESD-Präsident Timo Lehberger erklärt:
„Die Studie macht unmissverständlich klar, dass Selbstständige in der Familienphase strukturell schlechter gestellt sind. Wer unternehmerische Verantwortung trägt, darf im Moment der größten privaten Verantwortung nicht allein gelassen werden. Wenn die Bundesregierung Selbstständigkeit attraktiver machen will, muss sie die Realität selbstständiger Mütter anerkennen. Mutterschaft darf kein unternehmerisches Risiko sein. Bei der sozialen Absicherung selbstständig erwerbstätiger Frauen besteht dringender Handlungsbedarf.“
Der Europaverband der Selbständigen – Deutschland (ESD) e.V. sieht hierin einen klaren wirtschaftspolitischen Auftrag. Es geht um die Glaubwürdigkeit politischer Ankündigungen und um die Zukunft selbstständiger Erwerbsformen. Wer Gründungen fördern, unternehmerische Verantwortung erhalten und wirtschaftliche Vielfalt sichern will, muss die Vereinbarkeit von Familie und Selbstständigkeit endlich realistisch gestalten.
Die vollständige Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn ist abrufbar unter:
https://www.ifm-bonn.org/fileadmin/data/redaktion/publikationen/chartbooks/Chartbook-Selbststaendige_und_Geburt.pdf
ESD Forderungen
Der Europaverband der Selbständigen – Deutschland (ESD) e.V. fordert:
- Einen praxistauglichen Mutterschutz für selbstständig erwerbstätige Frauen
- Verlässliche Einkommensersatzleistungen unabhängig von Betriebsgröße und Versicherungsstatus
- Spezielle Absicherungsmodelle für Soloselbstständige ohne Vertretungsstrukturen
- Rechtssicherheit statt Grauzonen für selbstständige Mütter in der Phase rund um Schwangerschaft und Geburt
- Gleichwertige soziale Absicherung für gleichwertige Lebensentscheidungen unabhängig von der Erwerbsform